HERA LIND

Interviews mit Hera Lind zu ausgewählten Romanen

Interview zu »Gefangen in Afrika«

Hera Lind  - Gefangen in Afrika

Gerti Bruns, aufgewachsen während des Zweiten Weltkrieges, ist eine typische Frau jener Zeit: Trotz großer Entbehrungen kämpft sie sich durch. Warum verliebt sie sich in Leo Wolf, einen Aufschneider, der sie eigentlich nur schlecht behandelt?

Anfangs behandelt er sie gut. Ihr Märchentraum wird wahr: Sie lebt als angesehene Bankiersgattin im Wohlstand. Erst als er sie nach Afrika lockt, wo er längst eine Zweitfamilie hat, zeigt er sein wahres Gesicht: Er will die Söhne, und sie steht mittellos und ohne Papiere da!

Der Traum von Afrika wird für Gerti und ihre Kinder bald zum Albtraum, und die eindrucksvollen Schilderungen ihrer Ängste zeigen, wie ausweglos ihre Situation ist. Wie gelingt es Ihnen, sich derart in die Gefühle Ihrer Heldinnen einzufühlen?

Einerseits muss ich Frau Gerti Bruns ein großes Kompliment machen: Sie hat perfekte Vorarbeit geleistet, indem sie mir ihre Erlebnisse, Gefühle, Ängste, Sorgen und Hoffnungen aufgeschrieben hat. Andererseits bin ich mit einer guten Portion Fantasie ausgestattet, die mir ermöglicht, mir ihre Situation genau vorzustellen. Während des Schreibens entstehen im Kopf detaillierte Bilder von Landschaften, Gerüchen, Geräuschen, Farben; Dialoge entwickeln sich, Personen erwachen zum Leben. Wenn die Protagonistin dann sagt: »Ja, genau so war es!«, bin ich glücklich.

Schicksalsschläge sind im Leben unausweichlich. Machen sie einen in jedem Fall stärker?

Sie fordern einen heraus, und wenn man nach dem ersten Schock in die Hände spuckt und sagt: »So, dieser Situation stelle ich mich jetzt!«, kann man über sich hinauswachsen. Jede Mutter wird nachvollziehen, dass man Kräfte entwickelt, von denen man nicht wusste, dass man sie hat. Im Nachhinein ein solches Buch über ihr Leben in der Hand zu halten, ist für Gerti Bruns sicher der schönste Lohn ihrer Tapferkeit. Ich freue mich sehr für sie.

Interview zu »Wenn nur dein Lächeln bleibt«

Hera Lind  - Wenn nur dein Lächeln bleibt

Angela Hädicke bringt eine behinderte Tochter zur Welt und liebt sie von der ersten Sekunde an. Warum haben Sie gerade dieses besondere Familienschicksal ausgewählt?

Als Mutter von vier gesunden Kindern bin ich demütig und dankbar, nachdem ich die Geschichte von Frau Hädicke erfahren habe. Jede Mutter sollte dieses Buch lesen, das wirkt Wunder gegen jede noch so winzige Verstimmung in der Familie, und jeder Konflikt scheint lächerlich und ist vor allem lösbar! Ich ziehe meinen Hut vor allen Müttern von behinderten Kindern – ihre Kraft und Ausdauer hätte ich nicht. Man flippt ja schon aus, wenn ein nasses Handtuch am Boden liegt, oder Schokolade auf dem weißen Sofa klebt.

Frau Hädicke und ihr Mann leben bis zum Mauerfall in der ehemaligen DDR, wo sie nicht viel Unterstützung bekommen. Die Diskriminierung von Behinderten ist doch aber sicher überall zu finden, oder?

Ich denke die Brisanz dieser Geschichte wird sicher dadurch immens verstärkt, dass Angela und Bernd Hädicke in der damaligen DDR lebten und als Nicht-Parteimitglieder definitiv schon benachteiligt wurden, als die kleine Anja zur Welt kam. Die Schikanen und Demütigungen des damaligen politischen Systems sind für uns heute kaum mehr vorstellbar. Ein Ersatzteil für einen Rollstuhl: schier unmöglich! Dennoch, selbst im toleranten, aufgeklärten und sozialen Deutschland von heute werden Behinderte und ihre Angehörigen nach wie vor benachteiligt. Nach der Lektüre dieses Buches werden wir einem behinderten Kind viel liebevoller und seinen Eltern viel respektvoller begegnen – hoffentlich!

Warum glauben Sie, fällt es uns oft so schwer glücklich zu sein?

Wie heißt es so schön: „Nichts ist schlimmer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen.“ Die Tatsachenromane zeigen uns, wie gut es uns doch eigentlich geht. Und wie stark, hoffnungsvoll und positiv wir doch oft schon in weniger schwierigen Situationen sein könnten. Unsere Heldinnen und Helden des Alltags machen es uns vor.

Interview zu »Der Mann, der wirklich liebte«

Hera Lind  - Der Mann, der wirklich liebte

Frau Lind, Ihr Roman beruht auf einer wahren Geschichte. Wie haben Sie von dieser Geschichte gehört – und was hat Sie bewogen, diesen Stoff zu verarbeiten?

Michael Röhrdanz, der Mann von Angela Röhrdanz und Vater von insgesamt fünf Kindern, hat mich angeschrieben und mich gebeten, die Geschichte seiner Frau aufzuschreiben. Obwohl ich sehr viele solcher Zuschriften bekomme, hat diese eine mich doch von der ersten Sekunde an fasziniert: eine Frau, die im Locked-in-Syndrom ein gesundes Kind bekommt, ist wohl weltweit einzigartig. Und natürlich die unerschütterliche Liebe dieses Mannes ...

Frau Röhrdanz ist inzwischen verstorben, an den Folgen des Locked-in-Syndroms?

Nein, das ist ja gerade das Drama, von dem ich in diesem Buch erzähle. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, nur das: Angela Röhrdanz wird – langsam und mühevoll zwar – aber doch voll und ganz gesund. Erst Jahre später stirbt sie durch ein tragisches Ereignis …

In Ihren Unterhaltungsromanen, mit denen Sie die Bestsellerlisten und ein großes Publikum erobert haben, geht es überwiegend um die für das Lebensglück zentrale Frage im Leben einer Frau: Wie finde ich den richtigen Mann? Worauf Sie immer mit viel Humor eine Antwort wussten. Hier, bei diesem Schicksalsroman von dramatisch-tragischem Ausmaß, ist für Humor kein Raum. War dies eine große Umstellung für Sie?

Ja und nein! Nachdem ich Michael Röhrdanz getroffen hatte, war mir klar, dass er selbst ein humorvoller Mann ist und dass er die positiven und schönen Seiten dieser Geschichte mit viel Liebe und sogar mit einem Hang zum Komischen geschildert haben wollte.

Wie lange haben Sie recherchiert und geschrieben? Und was hat den Schreibprozess unterschieden vom dem einer rein fiktiven Romanhandlung?

Michael Röhrdanz hat hervorragende Vorarbeit geleistet. Ich glaube, es war ihm ein Bedürfnis, sich alles von der Seele zu schreiben. Auch wenn es oft nur stichwortartige Skizzen waren, die er mir täglich per E-Mail zukommen ließ, so waren sie doch eine fantastische Grundlage für meinen Roman, an dem ich inklusive Recherche mehr als acht Monate gearbeitet habe.

Wie stark ist der Held, Michael Röhrdanz, an sein Vorbild angelehnt?

Michael Röhrdanz ist sehr authentisch. Nachdem wir uns persönlich lange unterhalten hatten und er mir eine Zeitlang täglich schrieb, musste ich mir keinen Romanhelden mehr ausdenken. Ich habe nur die Szenen mit Dialogen und Bildern meiner Fantasie ausgeschmückt.

War es für Sie ungewohnt, aus der Perspektive eines handelnden Mannes zu schreiben?

Es war allerdings das erste Mal, dass ich aus männlicher Perspektive schrieb, aber wie gesagt, bei der authentischen Vorlage fiel es mir nicht schwer.

Inwieweit haben Sie sich in die medizinischen Details eingearbeitet? Können Sie beurteilen, welche Chancen Angela aus Sicht der Ärzte tatsächlich hatte, wieder ins Leben zu finden? Und wie sehen Sie die Verantwortung der Ärzte in solchen Fällen? Werden Menschenleben zu schnell aufgegeben? Oder auch: Vertrauen wir zu wenig auf die Kraft der Liebe?

Natürlich habe ich Ärzte aus meinem Freundeskreis gefragt und im Internet über das Locked-in-Syndrom recherchiert. Wie durch ein Wunder lief im Kino um die Ecke gerade Schmetterling und Taucherglocke, sodass ich mich in das Thema einfühlen konnte. Über die Verantwortung der Ärzte wage ich (als ehemalige Arztfrau und Arzttochter) nicht zu urteilen. Es gibt immer zwei Seiten. Auch steht es mir nicht zu, darüber nachzudenken, ob Röhrdanz seine Frau hätte gehen lassen sollen. Es gibt im Leben Entscheidungen, die man nur selbst treffen kann. Er hat diese Entscheidung für sich, für seine Frau und für seine Kinder getroffen und bis zur letzten Sekunde dazu gestanden. Davor kann ich nur meinen Hut ziehen.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich in Angela einzufühlen? Der zur Passivität verurteilte Charakter ist ja viel schwerer zu fassen und trägt eine mindestens so schwere Bürde wie der, der leidet, aber etwas tun und helfen kann ... Kann man sich vorstellen, sich in dieser hilflosen Position von der Liebe eines Mannes restlos überfordert zu fühlen?

Es war sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, mich in Angela hineinzufühlen. Oft musste ich mitten im Schreiben plötzlich loslaufen, viele Kilometer, um aus der inneren Ge- und Befangenheit wieder auszubrechen. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen, im eigenen Körper eingemauert zu sein. Jedes Gefängnis ist dagegen komfortabel! – Dass sie Röhrdanz allerdings genauso innig und unverbrüchlich geliebt hat wie er sie, ist mir beim Schreiben klar geworden. Sonst hätte sie sich aufgegeben.

Michael Röhrdanz ist ein starker, unbeirrbarer Charakter und ein unbeirrbar liebender Mann. Ein Held, wie wir ihn uns erträumen. Ein Held, wie aus dem Märchen? Wenn man sich die Wirklichkeit anschaut, bekommt man da nicht den Eindruck, als seien diese Qualitäten sehr rar geworden?

Deshalb bin ich so begeistert von dem Stoff der Geschichte, und deshalb habe ich auch auf diesen Titel bestanden! Ja, dieser Mann hat wirklich geliebt.

Mit der traditionellen Formel „in guten wie in schlechten Tagen“ versprechen sich Paare bei der Hochzeit auch heute noch, sich auf ewig zu lieben und füreinander da zu sein. Ist das noch zeitgemäß – in einer Welt, die von stetem Wandel, Flexibilität und grenzenlosen Wahlmöglichkeiten bestimmt wird?

Das ist sicher ein frommer Wunsch, den wir alle am Tag der rosaroten Brille äußern. Wie es in Wirklichkeit aussieht, zeigt uns ja die Trennungs- und Scheidungsrate. Wobei ich nie darauf beharren würde, wegen dieses Versprechens sein Leben mit dem oder der Falschen zu verbringen. Menschen entwickeln sich. Auch auseinander.

Glauben Sie selbst an die ewige Liebe?

Zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens? Ja.

Welche Botschaft möchten Sie Ihren Leserinnen und Lesern in diesem Roman mitgeben?

Eigentlich maße ich mir nicht an, meinen Leserinnen Botschaften mitzugeben. Ich selbst war und bin fasziniert von dieser wahren Geschichte, und wenn es durch dieses Buch gelingt, viele Menschen ebenfalls zu faszinieren und zu fesseln, und wenn es darüber hinaus noch gelingt zu beweisen, dass es doch die große wahre Liebe gibt, dann bin ich, genau wie Michael Röhrdanz, schon sehr dankbar.

Interview zu »Schleuderprogramm«

Hera Lind  - Schleuderprogramm

Frau Lind, nach Ihrem SPIEGEL-Bestseller-Erfolg Die „Champagner-Diät“ haben Sie wieder einen hitverdächtigen Roman geschrieben. Worum geht’s?

Ella Herbst ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, ihr Ehemann trägt sie auf Händen, ihre beiden Kinder sind wohlgeraten, das Konto stimmt und sie hat sogar ihre Idealfigur. Doch ein Anruf unmittelbar vor einem ganz wichtigen Auftritt fordert ihr binnen Sekunden eine lebenswichtige Entscheidung ab. Sie lässt alles stehen und liegen und setzt damit ihr bisheriges Leben aufs Spiel. Darauf folgt der freie Fall …

Das klingt nach einem autobiografischen Roman, denn auch Sie haben im letzten Jahr finanzielle Einbußen hinnehmen müssen.

Dieses unbeschreibliche Gefühl, sich sein Leben lang in Sicherheit gewiegt zu haben und dann auf einmal zu begreifen, dass man von vorne anfangen muss, das ist schon einen spannenden und stimmungsreichen Roman wert. Ich habe beim Schreiben gelacht, geweint, gezittert und manchmal auch nur fassungslos auf meine Zeilen gestarrt. Aber es gibt zum Glück ein wunderschönes Happy End …

Verlassen sich Frauen in Geldangelegenheiten immer noch zu sehr auf ihre Männer?

Hoffentlich machen das nicht alle Frauen! Und wenn doch, dann werden sie es nach dem Lesen meines Schleuderprogramms wohl nie wieder machen! (lacht) Übrigens werde ich bei meinen Lesungen immer wieder von meinen Leserinnen angesprochen, und oft ergeben sich persönliche Gespräche, in denen ich erfahre, dass es vielen Frauen genau so geht. Ich freue mich schon sehr auf meine Schleuderprogramm-Tournee! Die Zuhörer werden sich zwar köstlich amüsieren, aber an manchen Stellen wird ihnen das Lachen auch im Halse stecken bleiben.

Immer wieder müssen Ihre Heldinnen durch einen Schicksalsschlag, den sie den Männern zu verdanken haben, von vorn beginnen. Kann Liebe überhaupt von Dauer sein?

Das ist eine gute Frage. Eine wirklich gute Frage. Eigentlich die Frage aller Fragen. Fragen Sie mich das doch zu meinem nächsten Roman noch mal …

(Interview aus Diana HC Vorschau - Herbst 2007)